Ist ASMR wissenschaftlich untersucht?

Direktantwort: Ja, aber die Forschung ist noch jung, die Stichproben meist klein bis mittelgroß, und es gibt keine Studie, die ASMR als Behandlung einer Krankheit belegt. Was einzelne Studien tatsächlich zeigen und wo ihre Grenzen liegen, im Detail.

Von Leo Kobes · Veröffentlicht: 2026-07-24 · Aktualisiert: 2026-07-24 · Redaktionelle Richtlinien

Verhaltens- und Fragebogenstudien

Die erste systematische Untersuchung befragte 475 Personen online zu ihren Trigger-Erfahrungen und ihrer Stimmung vor, während und nach dem Ansehen von ASMR-Inhalten. Häufig genannte Trigger waren Whispering, Personal Attention, knackige/knisternde Geräusche und langsame Bewegungen; ein Teil der Befragten berichtete von kurzfristig verbesserter Stimmung[1]. Eine Folgeuntersuchung ging genauer der Frage nach, welche klanglichen Eigenschaften eines Triggers (etwa Tempo oder Rhythmus) mit dem ASMR-Erleben zusammenhängen[2].

Einschränkung: Beide Studien beruhen auf Selbstauskunft von Personen, die bereits wussten, dass sie ASMR erleben – keine Kontrollgruppe von Menschen ohne ASMR-Erfahrung, keine unabhängige Messung.

Physiologische Messungen

Eine vielzitierte Arbeit aus dem Jahr 2018 kombinierte ein groß angelegtes Online-Experiment mit einer Laborstudie, in der Herzfrequenz und Hautleitfähigkeit gemessen wurden. Bei Personen, die angaben, ASMR zu erleben, zeigte sich beim Schauen von ASMR-Videos im Vergleich zu Kontrollvideos eine verringerte Herzfrequenz und eine erhöhte Hautleitfähigkeit – beides passt zu den berichteten Entspannungs- und Erregungsgefühlen[3].

Einschränkung: Physiologische Veränderung bedeutet nicht automatisch therapeutische Wirkung. Die Studie untersuchte keine klinischen Endpunkte wie Schlafqualität über Wochen oder Symptomreduktion bei einer Diagnose.

Bildgebende Verfahren (fMRI)

Eine kleine fMRI-Studie untersuchte, ob sich bei Personen mit ASMR-Erleben Unterschiede in der Aktivität des sogenannten Default-Mode-Netzwerks zeigen – einem Hirnnetzwerk, das u.a. mit Ruhezuständen in Verbindung gebracht wird[4].

Einschränkung: fMRI-Studien zu ASMR arbeiten bislang mit sehr kleinen Stichproben (typisch für frühe Bildgebungsforschung). Ergebnisse gelten als vorläufig, bis sie mit größeren Stichproben wiederholt wurden.

Studien mit klinischem Bezug

Eine Studie untersuchte Effekte von ASMR-Videos auf Erregung und Stimmung bei Erwachsenen – sowohl mit als auch ohne Depression bzw. Schlafstörungen in der Stichprobe[5].

Wichtig: was diese Studie nicht zeigt

Diese Studie ist keine Wirksamkeitsstudie für die Behandlung von Depression, Angststörungen oder Schlafstörungen. Sie untersucht kurzfristige Effekte auf Stimmung und Erregung, nicht die Behandlung einer Diagnose. asmr.at verwendet sie ausschließlich zur Einordnung, nicht als Beleg für eine Therapiewirkung.

Was insgesamt zulässig ist zu sagen – und was nicht

ZulässigNicht zulässig
„Manche Menschen berichten von Entspannung beim ASMR-Hören.“„ASMR wirkt garantiert entspannend.“
„Erste Studien fanden physiologische Veränderungen wie verringerte Herzfrequenz.“„ASMR senkt nachweislich Stress bei jedem Menschen.“
„Die Forschung steckt noch in einer frühen Phase.“„ASMR ist wissenschaftlich als Schlafmittel bewiesen.“
„ASMR ersetzt keine medizinische Behandlung.“„ASMR hilft nachweislich gegen Depression oder Angststörungen.“

Vollständige Quellenliste

  1. Barratt, E.L. & Davis, N.J. (2015). Autonomous Sensory Meridian Response (ASMR): a flow-like mental state. PeerJ, 3, e851. N = 475 (Online-Befragung). doi.org/10.7717/peerj.851
  2. Barratt, E.L., Spence, C. & Davis, N.J. (2017). Sensory determinants of the autonomous sensory meridian response (ASMR): understanding the triggers. PeerJ, 5, e3846.
  3. Poerio, G.L., Blakey, E., Hostler, T.J. & Veltri, T. (2018). More than a feeling: ASMR is characterized by reliable changes in affect and physiology. PLOS ONE, 13(6), e0196645. doi.org/10.1371/journal.pone.0196645
  4. Smith, S.D., Fredborg, B.K. & Kornelsen, J. (2017). An examination of the default mode network in individuals with ASMR. Social Neuroscience, 12, 361–365.
  5. Smejka, T. & Wiggs, L. (2022). The effects of ASMR videos on arousal and mood in adults with and without depression and insomnia. Journal of Affective Disorders, 301, 60–67. PubMed 34915083

Verwandt: Was ist ASMR. Diese Seite wird bei neuen relevanten Studien aktualisiert; siehe Redaktionelle Richtlinien zum Aktualisierungsrhythmus.